Welche Anwendungen der Biosensorik sowie der personalisierten Medizin sind für die Sicherheit und Verteidigung besonders relevant?
Hoelscher: Für Sicherheit und Verteidigung sind vor allem solche Anwendungen der Biosensorik relevant, die eine schnelle und dezentrale Diagnostik direkt im Einsatz ermöglichen. Dazu zählen Systeme, mit denen Infektionen nach Verletzungen, Verbrennungen oder Traumata frühzeitig erkannt werden können, ebenso wie Sensoren zum Nachweis potenziell freigesetzter biologischer Kampfstoffe oder zur kontinuierlichen Überwachung der körperlichen und psychischen Belastung von Soldatinnen, Soldaten und Einsatzkräften. Die personalisierte Medizin spielt insbesondere dort eine wichtige Rolle, wo Therapien schnell und gezielt an den jeweiligen Erreger oder die individuelle Situation angepasst werden müssen – etwa bei Wundinfektionen mit multiresistenten Bakterien, die in aktuellen Einsatz- und Konfliktszenarien ein erhebliches medizinisches Problem darstellen.
Welches sind die aktuellen Forschungsaufgaben in der Biosensorik sowie der personalisierten Medizin? Gibt es Beispiele für Forschungsverbünde und -projekte? An welchen Projekten zum Thema arbeitet das Fraunhofer ITMP?
Hoelscher: Aktuelle Forschungsaufgaben liegen einerseits in der zuverlässigen Detektion infektiöser Agenzien in klinischen Proben und Umweltproben, einschließlich der Luft, und andererseits in der Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze. Dazu gehören beispielsweise phagenbasierte und antikörperbasierte Verfahren, die sowohl diagnostisch als auch therapeutisch genutzt werden können. Am Fraunhofer ITMP-IIP werden hierzu verschiedene Fragestellungen bearbeitet: von der Sensorik zum Nachweis von Biotoxinen über neue Ansätze der Phagentherapie bis hin zu Diagnostika und Therapeutika im ABC-Kontext. Relevante Verbünde sind unter anderem HERA-geförderte Projekte sowie das EDF-RESILIENCE-Konsortium, in dem neue medizinische Gegenmaßnahmen, Diagnostika und Therapien für CBRN-Szenarien [Chemical, Biological, Radiological, and Nuclear threats] entwickelt werden. Ergänzend dazu laufen interne Entwicklungsprojekte mit Bezug zur Bundeswehr, etwa zur praxisnahen Weiterentwicklung von Diagnostik- und Therapieplattformen mit dem Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr.
Welche Anwendungen aus dem zivilen Bereich lassen sich für die Sicherheit und Verteidigung nutzen? Gibt es vielversprechende Dual Use Anwendungen?
Hoelscher: Gerade im Bereich der Wehrmedizin bestehen zahlreiche Anknüpfungspunkte an zivile Entwicklungen. Viele Technologien, die ursprünglich für die klinische Diagnostik, die Wundversorgung oder die Bekämpfung antibiotikaresistenter Erreger entwickelt wurden, lassen sich auch in sicherheits- und verteidigungsrelevanten Kontexten einsetzen. Besonders vielversprechend sind Dual-Use-Anwendungen in der dezentralen Diagnostik, bei mobilen Testsystemen, in der Umweltüberwachung sowie bei neuen Therapieansätzen gegen schwer behandelbare Infektionen. Der entscheidende Vorteil liegt darin, dass solche Lösungen sowohl im zivilen Gesundheitswesen als auch in Einsatzlagen genutzt werden können, in denen schnelle Entscheidungen und robuste Verfahren besonders wichtig sind.
Wie gestaltet sich zur Zeit die Kooperation von Unternehmen und Forschungseinrichtungen im Bereich Biosensorik und personalisierte Medizin für die Sicherheit und Verteidigung? Welche einschlägigen Netzwerke und Initiativen gibt es, um Forschung in die Anwendung zu bringen?
Hoelscher: Die Kooperation zwischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und staatlichen Akteuren ist in diesem Themenfeld besonders wichtig, weil viele Anwendungen nur im Zusammenspiel von wissenschaftlicher Expertise, industrieller Entwicklungskompetenz und konkreten Bedarfen der Anwenderseite erfolgreich in die Praxis überführt werden können. Einschlägige Netzwerke und Programme wie HERA-Projekte oder EDF-Konsortien, beispielsweise das RESILIENCE-Konsortium, schaffen hierfür geeignete Strukturen. Fraunhofer kann in solchen Konstellationen eine zentrale Rolle als Brücke zwischen akademischer Forschung, Industrie und Anwendung übernehmen, weil hier sowohl technologische Entwicklung als auch Translation und Technologietransfer im Fokus stehen.
Was braucht es, um Forschung und Entwicklung im Bereich Biosensorik sowie der personalisierten Medizin für die Sicherheit und Verteidigung in Deutschland erfolgreich zu gestalten?
Hoelscher: Um Forschung und Entwicklung in Deutschland erfolgreich zu gestalten, braucht es vor allem eine engere und frühere Vernetzung zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Bundeswehr und weiteren staatlichen Akteuren. Wichtig sind niedrigere Schwellen, um Prototypen frühzeitig mit potenziellen Anwenderinnen und Anwendern zu testen und deren Rückmeldungen direkt in die Entwicklung einfließen zu lassen. Gleichzeitig benötigen neue Lösungen klare Entwicklungsperspektiven, geeignete Förderinstrumente und frühzeitige Investitionen, damit vielversprechende Ansätze nicht im Forschungsstadium verbleiben, sondern zügig in robuste, einsatzfähige und skalierbare Anwendungen überführt werden können.